Zur Hitlergrußaffäre in der Gladbecker Feuerwehr

Wiedereinmal gerät eine Feuerwehr im Ruhrgebiet in das Interesse der Öffentlichkeit, weil einige ihrer Mitglieder ein allzu fragwürdiges Verhältnis zum Nationalsozialismus pflegen. Inwiefern besagtes öffentliches Interesse jedoch eher Teil des Probems und nicht der Lösung ist, welche Rolle Feuerwehrchef Josef Dehling bei den Vorgängen spielt und auf welchen geistigen Zustand der Gladbecker Feuerwehr die Vorfälle ein Schlaglicht werfen soll im folgenden Thema sein.

Am 20. Dezember titelte die Gladbecker WAZ: „Feuerwehr: Von Foto mit Hitlergruß geschockt“. (¹)
Sie berichtete von einem ihr zugespielten Foto aus dem Juli 2008, das einige Jugendliche der Gladbecker Jugendfeuerwehr mit ausgestrecktem rechten Arm während einer Ferienfreizeit in Wagrain (Österreich) zeigt. Sofort nach Erhalt des Fotos habe sie den Leiter der Gladbecker Feuerwehr, Josef Dehling, über die Existenz des Fotos informiert. Damit hat gleich zu Beginn der Hitlergrußaffäre eben jener Mann der Gladbecker Kleinstadtöffentlichkeit ein ruhiges Wochenende in den Vorweihnachtstagen zur Verfügung, der das allergrößte Interesse an der Deckelung des Vorfalls trägt, alles in die Wege zu leiten, dass der nicht aufzuhaltende Skandal so klein wie möglich bleibe. Gleich am Montag weiß er sodann auch in einem Treffen mit der WAZ mit Anhang einiger Beteiligter und ihren Eltern zu berichten, dass es zwar „zu so einem Foto nie hätte kommen dürfen“, um dann aber auch schon im selben Atemzug zu dem Schluss kommen zu können: „Alle Beteiligten sind sich der Tragweite ihres Handelns bewusst.“ Obendrein seien bei besagtem Foto auch keine Betreuer zugegen gewesen. Alles also nicht so schlimm? Ein paar Jugendliche schlagen über die Stränge, sind sich der Tragweite ihres Handelns erst im Nachhinein bewusst und die Betreuer, die natürlich sofort eingegriffen hätten, waren gerade in diesem Moment einfach nicht zugegen. Soetwas kennt man ja von Heranwachsenden. Ein bisschen pädagogische Betüddelung und der obligatorische Klopfer auf die Finger werdens schon richten. In dieser Lesart der Vorfälle ist Herrn Dehlings Kompetenzbereich natürlich fein raus.
Weiter im Text weiß Dehling den Skandal noch mehr einzugrenzen: „Eine unüberlegte Einzelaktion“. Zudem sei nur „einer der Jugendlichen auf die Idee zu diesem Bildmotiv gekommen“. Obendrein sei besagter Jugendlicher bereits „wegen anderweitigen Fehlverhaltens“ bereits aus der Jugendfeuerwehr ausgeschlossen“ und er sei „der Einzige gewesen, der vor Ort Interesse daran bekundet habe, die Bild-Datei zu erhalten“.
Demnach ist das neonazistische Potential längst in besagtem Jugendlichen personalisiert und aus der Wehr ausgeschlossen. Die anderen Jugendlichen hätten nur nach seiner Idee gehandelt und seien „durch die anonyme Weiterleitung des Bildes schon jetzt bestraft“.


Das Foto zeigt 8 Jugendliche beim Hitlergruß auf dem Balkon einer Jugendeinrichtung in Wagrain(Österreich) (Quelle: Bild)

Was Herr Dehling und die von ihm kontaktierten betreffenden Personen hier betreiben ist eine systematische Verharmlosung, Deckelung und Externalisierung der Vorgänge und des rechtsradikalen Potentials in der Gladbecker Feuerwehr auf eine nicht weiter greifbare Einzelperson. Und genau darum geht es Dehling auch nach eigenem Bekunden: „Ich stelle ausdrücklich fest, dass die Jugendfeuerwehr Gladbeck kein Ort ist, an dem rechtsextremes Gedankengut geduldet wird. Ich kann ausschließen, dass die Feuerwehr Gladbeck ein Ort ist, an dem rechtsextremes Gedankengut zuhause ist“.

Da hatte Dehling aber noch nicht mit seinen Jugendbetreuern gerechnet, denen er zuvor eine weiße Weste attestiert hatte; Oder er hatte zumindest die berechtigte Hoffnung, dass ihm diese Darstellung seines eigenen Kompetenzbereiches schon jedeR KleinstadtjournalistIn im Interesse um Stadt und städtischer Feuerwehr besten Gewissens abnehmen würde.

Die anonyme Bildquelle hatte zu diesem Zeitpunkt schon längst ein weiteres Bild in der Hinterhand, das auch Dehlings Jugendbetreuer gemeinsam mit einigen Jugendlichen bei ihrer Begeisterung für „Kameradschaft“ und deutschem Volksempfinden zeigte. Und Dehling ist in genau diese Falle getappt.
Am 30. Dezember berichtete bei der WAZ dann eine andere Journalistin in zwei weiteren Artikeln über das Auftauchen eines neuen Fotos, diesmal aufgenommen bei einer Freizeitveranstaltung der Kreisfeuerwehr in einer Bundeswehrkaserne in Coesfeld. „Skandal: : Zweites Foto mit Hitlergruß bei Gladbecker Wehr“. (²)
Dieses zeige zwei Jugendliche sowie zwei Betreuer beim Hitlergruß. Sofort darf auch Josef Dehling wieder zu Wort kommen. Wenn ihn das nun vorliegende Bild „umgehauen“ hat, wie er angibt, dann sicher aus anderen Gründen, als ein solches Bild z.B. überlebende Opfer des Nationalsozialismus oder engagierte AntifaschistInnen ‚umhaut‘ oder eben nicht mehr umhaut, weil der deutsche Weg der „Vergangenheitsbewältigung“ das volksgemeinschaftliche Potential nach 1945 in die deutsche Gesellschaft integriert hat; weil er immer unter dem Vorzeichen der Schuldabwehr, der Nivellierung des Unterschieds zwischen Tätern und Opfern und der Externalisierung der Schuld der Deutschen auf einzelne, nicht mehr greifbare „Nazis“ und „Verführer“ gestanden hat. Eine auffallende Parallelität der (gruppen)psychischen Disposition zu den aktuellen Vorkommnissen in der Gladbecker Feuerwehr. Gleich im zweiten Satz darf Dehling daher sein Mantra, dass es „in der Gladbecker Feuerwehr keinen Rechtsradikalismus“ gebe, nocheinmal wiederholen. Zu einem Zeitpunkt, da die Hitlergrußaffäre längst nicht mehr auf eine Gruppe einzelner Jugendlicher beschränkt ist, sondern bereits seine von ihm mit pädagogischer Verantwortung beauftragten Jugendbetreuer und damit seinen Kompetenzbereich erfasst hat.


Das zweite Foto zeigt zwei Jugendliche und zwei Betreuer der Gladbecker Jugendfeuerwehr in einer Coesfelder Kaserne (Quelle: Bild)

Eine weitere Facette in der Geschichte um die Gladbecker Feuerwehr und ihre Hitlergrußaffäre lässt ebenfalls die These Dehlings, die Jugendlichen seien sich „völlig im Klaren darüber, dass sie da richtig Mist gebaut haben“, fragwürdig erscheinen. Die Feuerwehr war nämlich bereits seit dem 20. November Gegenstand der Debatte gewesen, weil eine Gruppe von 10 Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr eine gemeinsame Jahresabschlussübung mit der hauptamtlichen Feuerwehr in Zivilkleidung boykottiert und Flugblätter verteilt hatte. Bei dem Konflikt war es einerseits um die Benachteiligung der freiwilligen Feuerwehrleute bei der Ausrüstung und dem Gefühl, einer Zweiklassen-Feuerwehr anzugehören und auch so behandelt zu werden, gegangen, andererseits, und das soll hier weiter von Interesse sein, kritisierten die Protestierenden einen kasernenartigen Befehlston und einen autoritären Umgang mit Auszubildenden und in der Hirarchie weiter unten stehenden.
Anstatt das Anliegen der Protestierenden, die aus dem jungen, aktiven Kern der freiwilligen Feuerwehr stammen, ernst zu nehmen, strengte Josef Dehling damals ein Disziplinarverfahren gegen die Protestierenden an, beklagte den „erheblichen Imageschaden“ für die Feuerwehr und tobte: „Das ist mir bis jetzt nicht untergekommen!“.
Im Verlauf der Debatte um die Hitlergrußaffäre sind dann beide Sachverhalte, die, wie ein an der Protestaktion beteiligter auf Nachfrage bestätigte, miteinander ersteinmal nichts zu tun haben, vermengt worden. Genau diesen Eindruck macht auch der erste am 30. Dezember bei der WAZ erschienene Artikel, dessen Titel „Weitere Hitlergruß-Affäre in Gladbecker Feuerwehr“ (³) mit dem Schlagwort „Konflikt :“ versehen ist. Welchen ‚Konflikt‘ könnten die Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr über die Hitlergruß-Affäre austragen? Natürlich geht es in diesem „Konflikt“ nicht darum, dass ein Teil der Feuerwehrleute rechte Tendenzen bei einem anderen Teil kritisieren würde, sondern es geht offenbar munter im selben Stile der Schuldabwehr und Externalisierung weiter, da nämlich die anonyme Bildquelle unter den Reihen der Protestierenden vermutet wird, denen es darum gehe, das Ansehen der Feuerwehr in den Schmutz zu ziehen. Nicht rechte Tendenzen, nicht das Zeigen des Hitlergrußes, geschweigedenn die Vertuschung und Mauerhaltung von Feuerwehrführung und -belegschaft ist es den Mitgliedern Wert, einen Konflikt vom Zaun zu brechen, sondern denjenigen zu finden, der mit der Veröffentlichung der Fotos das gemeinsame Geheimnis verraten hat.
Unmittelbar nach der Veröffentlichung des ersten Fotos am 20. Dezember teilten elf verbliebene Mitglieder des betreffenden Löschzuges Feuerwehrchef Dehling schriftlich mit, dass sie mit den 10 an der Protestaktion beteiligten „nicht mehr vertrauensvoll zusammen arbeiten“ könnten. Daraufhin setzte Dehling die zehn am 23. Dezember außer Dienst. Um welches „Vertrauen“ geht es den verbliebenen Feuerwehrmännern? Das Vertrauen darin, dass man rechte Tendenzen und Hitlergruß-Spielchen deckelt und unter sich zu behalten hat? Wie lässt sich dieses Verhalten der Feuerwehrmitglieder mit Dehlings Behauptung vom 20. Dezember vereinbaren, die betreffenden Personen seien sich ihres Fehlverhaltens und der Tragweite bewusst? Das Problem der Mitglieder der Feuerwehr, dessen sie sich ‚bewusst‘ sind, ist offenbar nicht ihr eigenes Verhalten, sondern derjenige, der es ans Licht der Öffentlichkeit gebracht hat.
Wenn im Artikel um den „Konflikt“ um die „weitere Hitlergrußaffäre“ dann von der Einsetzung eines „Vermittlers“ die Rede ist und Dehling antworten darf, er sei „jederzeit offen für einen Schlichter“, wirkt das nicht nur unfreiwillig komisch. Eine Vermischung beider Sachverhalte ist im Interesse Dehlings und der verbliebenen Feuerwehrmänner. Das Problem und vorallem die Gewichtung der öffentlichen Wahrnehmung kann so auf die Protestaktion und die Boykottierer, weg von den fragwürdigen Tendenzen und der Hitlergrußaffäre, verlagert werden. Die Sachverhalte getrennt voneinander zu behandeln wäre der Aufklärung der rechten Vorfälle gleichsam dienlich wie einer Debatte um die anderen Probleme innerhalb der Feuerwehr und ihrer Lösung.

In der Folge des Skandals hat sich nun auch die Verwaltung Gladbecks eingeschaltet und ist um ihr Image als Stadt, die eine „äußerst bewusste Gedenkkultur in Bezug auf das 3. Reich“ (Bürgermeister Ulrich Roland (SPD)) habe, besorgt. Daher habe man eine Komission zur Aufklärung der Vorfälle eingesetzt. Mit dabei: Josef Dehling, Chef der Gladbecker Feuerwehr. Eine Person, die ein auf der Hand liegendes Interesse daran hat, die rechten Tendenzen in seiner Feuerwehr eben nicht zum Gegenstand der öffentlichen Debatte zu machen und der im bisherigen Verlauf der Affäre eher dadurch aufgefallen ist, dass er die Täter, denen er selbst die pädagogische Aufgabe der Ausbildung und Betreuung der Jugendlichen aufgegeben hat, deckte und überhaupt rechte Tendenzen in der Feuerwehr vehement leugnete, wird vom Bürgermeister Roland dazu beauftragt, „den Vorfällen bei der Jugendfeuerwehr (…) ohne Wenn und Aber auf den Grund (zu) gehen“. Dazu gehören nicht nur die jetzt aufgetauchten zwei Hitlergruß-Fotos, sondern auch die von einem Mitglied der Gladbecker Feuerwehr, das anonym bleiben möchte, auf Nachfrage bestätigten „Tendenzen kleinerer Personengruppen, die als rechtsgerichet zu bezeichnen sind“.


Gladbecker Feuerwehrchef Josef Dehling (Quelle: WAZ Gladbeck

Dieses Verhalten von Stadt und Bürgermeister erinnert an das Verhalten der WAZ-Redaktion. Bereits im ersten Artikel der Zeitung und auch in der darauf folgenden Berichterstattung fällt immer wieder ins Auge, dass es den JournalistInnen offensichtlich nicht an der Veröffentlichung und Aufklärung der Vorkommnisse aus neutraler und objektiver Perspektive gelegen ist, sondern sie sich als Teil der Gladbecker Kleinstadtgemeinschaft verstehen, die zuallerersteinmal im Interesse der Stadt handeln. Unter diesem Motiv muss der anfangs geschilderte Vorgang gelesen werden, demnach die WAZ-Redaktion sich gleich zu Beginn gegen eigene Recherchen, die sie nötigenfalls gegen Dehling bei dessen erster Kontaktierung in der Rückhand hätte haben können, entschieden hat, sondern Dehling ein ganzes Wochenende Zeit ließ, die betreffenden Mitglieder der Feuerwehr zu informieren und damit allgemeine Betroffenheit und einstimmige entlastende Äußerungen der Einsicht und Reue seitens der Betreffenden zu organisieren, die sie ihr dann am Morgen des 20. Dezember haben präsentieren können. Dies war die perfekte Untermauerung seiner These, dass man einen „offensiven Umgang mit dem Thema“ pflege und er ausschließen könne, „dass die Feuerwehr Gladbeck ein Ort ist, an dem rechtsextremes Gedankengut zuhause ist“.
Ein solches Vorgehen wird journalistischen Standards in keinster Weise gerecht, wenn sie sich an Neutralität, Objektivität und Aufklärung orientieren. Doch es wäre falsch, diesen Lokaljournalismus als Einzelfall herauszugreifen. Unter dem selben Problem leidet die Berichterstattung aller lokal ausgerichteten Medien aber auch überregionaler Medien. Eine Analyse nach der Frage, welche politischen Implikationen für die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen und der Fähigkeit der Gesellschaft, diese zum Gegenstand von (Selbst)erkenntnis zu machen, ob Journalismus die Aufgabe hat, diese Verhältnisse aufzudecken oder eher zu verschütten, die Bürger objektiv über sie zu informieren oder sie mit ihnen zu verzetteln, würde an dieser Stelle in eine philosophische Debatte über Erkenntnis-, Wissenschafts- und Journalismustheorie und damit weiter führen, als hier gewollt ist.

In einer Anmerkung zum ersten Artikel gibt der berichtende Journalist auch selbst Auskunft über die Handhabung der Spannung zwischen journalistischem Anspruch und städtischem Interesse: „Die WAZ verzichtet an dieser Stelle ausdrücklich auf Namen von beteiligten Jugendlichen und auch auf das ihr am Freitag anonym zugeleitete Hitlergruß-Ferienfoto – vor allem, um die beteiligten Gladbecker Jugendlichen zu schützen. Anzuerkennen ist: Feuerwehr-Chef Josef Dehling reagierte schnell und angemessen auf das Vorliegen dieses Bildes.“ und bietet weiterhin der bereits oben angeschnittenen Vermischung der Protestaktionen und der Hitlergrußaffäre mächtig Vorlauf: „(…) Anzumerken bleibt aber auch: Der anonyme Zusender versucht, das schockierende Hitlergruß-Bild und das äußerst sensible Thema Rechtsextremismus zu instrumentalisieren, um in der laufenden Auseinandersetzung um den Löschzug Mitte in der Öffentlichkeit Punkte zu machen“.
Vor was möchte die Gladbecker WAZ-Redaktion die abgebildeten Jugendlichen „schützen“? Davor, dass sie sich vor ihrem Umfeld wegen der Hitlergruß-Fotos rechtfertigen müssen? Vor Strafverfolgung? Im letzteren Fall deckt sie damit Straftaten.
Während weiterhin beim ersten Foto die Nichtveröffentlichung durch die WAZ noch damit gerechtfertigt wurde, dass es sich um „junge Gladbecker“ handelt, denen die Redaktion einen gewissen Schutz zukommend andichtet, fehlen Rechtfertigungen für die Nichtveröffentlichung des zweiten Fotos 10 Tage später gleich ganz, obwohl es sich hier um Betreuer der Jugendlichen handelt, also Menschen, die sich bewusst für pädagogische und politische Verantwortung gegenüber Jugendlichen entschieden haben und denen diese Verantwortung auch durch ihren Feuerwehrchef Dehling aufgetragen wurde, die dieser Verantwortung in sträflichem Maße nicht gerecht geworden sind. Es gibt keinerlei Rechtfertigung, die rechten Tendenzen dieser Personen weiter zu decken. Sollte es zu einer Gerichtsverhandlung wegen Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen nach § 86a, geahndet mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe, kommen, steht ein solcher Prozess laut Staatsanwaltschaft bei erwachsenen Tätern im öffentlichen Interesse, wird öffentlich verhandelt und dort werden öffentlich die Namen der Täter verlesen. Ohne hier plump diese oder jene Strafe zu fordern, was der politischen Dimension der Vorfälle nicht im Ansatz gerecht würde, sollte sich die Gladbecker WAZ-Redaktion zumindest am Ideal dieser rechtsstaatlichen Einrichtung orientieren. Die Öffentlichkeit kann die rechten Tendenzen ihrer Mitbürger ertragen, sie hat sie sogar zu ertragen.
Am 30. Dezember veröffentlichte dann die Bild-Zeitung die besagten Fotos, allerdings unter Unkenntlichmachung der Gesicher der Jugendlichen wie auch der Betreuer.

Der Fall erinnert an den erst wenige Monate zurückliegenden Fall des damaligen Dortmunder Chefs des Instituts für Feuerwehr- und Rettungstechnologie und Ex-Chefs der Dortmunder Feuerwehr, Klaus Schäfer. Schäfer (damals SPD) hatte im Vorfeld des 1. Mai 2010 an einem Aufmarsch der für ihre brutalen Überfälle und den aus ihren Reihen heraus begangenen 4 Fällen von Mord bzw. Totschlag bundesweit berüchtigten Dortmunder Neonazis in Dortmund teilgenommen. Dabei begrüßte er einige Neonazis mit Handschlag und applaudierte bei den Redebeiträgen der Rechten. Das Motto der Neonazis hätte ihm zugesagt und er wolle „sich mal die Argumente anhören“. Im weiteren Verlauf des Skandals veröffentlichten AntifaschistInnen aus Dortmund umfangreiches Material über den hohen Feuerwehrbeamten, das ihn als unter Pseudonym neonaziastische Texte veröffentlichenden und überzeugten Nationalsozialisten outete. (⁴)
Klaus Schäfer musste seinen Platz räumen, das juristische Nachspiel ist noch anhängig und könnte für die Stadt Dortmund teuer werden.
Das Handeln der Dortmunder Feuerwehr aber unterschied sich vom Handeln der Gladbecker Feuerwehr im jetzigen Fall ganz eindeutig. In einem Statement zum Thema lässt sich auch heute noch bei der Dortmunder Feuerwehr nachlesen: „Das Ansehen der Feuerwehr in der Bevölkerung ist hoch. Dies resultiert zum einen aus der hohen Fachkompetenz, zum anderen auch aus der berechtigten Erwartung, dass jedem ohne Ansehen seiner Person geholfen wird. (…) Es ist Aufgabe aller Feuerwehrleute, solchen Dingen sofort und bestimmt entgegen zu treten. Toleranz gegenüber extremistischen Meinungen ist ungeeignet, denn ihre Vertreter bekämpfen die Ideale der Feuerwehr.“
Wenn sich schon der Gladbecker Feuerwehrchef dem Ideal der Dortmunder Feuerwehr, „solchen Dingen sofort und bestimmt entgegen zu treten“ nicht anschließen will oder kann, ist es schlecht bestellt um die Aufarbeitung der Gladbecker Hitlergruß-Affäre.

Deswegen muss eine wirklich unabhängige Kommission ohne Feuerwehrchef Dehling gebildet werden, die den Vorgängen und Tendenzen in der Gladbecker Feuerwehr wirklich auf den Grund gehen will, statt den Skandal mit der jetzigen Kommission weiter zu vertuschen und zu verharmlosen. Das von Rainer Weichelt, einem Mitglied der Kommission, angekündigte Seminar mit der mobilen Beratungsstelle Villa ten Hompel aus Münster sowie der Besuch einer Gedenkstätte zur Zeit des Nationalsozialismus weisen da schon eher in die richtige Richtung. Eine Maßnahme, die unter dem Paradigma eines Josef Dehling, „bei uns gibt es keinen Rechtsextremismus!“, niemals auch nur in Betracht gezogen worden wäre.

An dieser Stelle sei weiterhin darauf hingewiesen, dass das Interesse zu dieser Abhandlung nicht darin liegt, diese oder jene Person aus der Gladbecker Feuerwehr auszuschließen, dieses oder jenes Strafmaß zu fordern oder sonstwie darauf hinzuwirken, dass die Stadt Gladbeck Maßnahmen ergreift, auch wenn es ihrer Glaubwürdigkeit gerade in ihrem Anspruch einer „äußerst bewussten Gedenkkultur“ natürlich zuträglich wäre. An der Glaubwürdigkeit der Stadt Gladbeck, gerade im Rückgriff auf die oben angeschnittene Kritik des Gladbecker Lokaljournalismus in diesem Fall, hat dieser Text kein Interesse, sondern an der Analyse und Kritik des Umgangs der Deutschen mit ihren eigenen nationalsozialistischen, volksgemeinschaftlichen Potentialen. Er soll insgesamt der Aufklärung dienen und handelt unter dem vom Philosophen Theodor W. Adorno unter dem Eindruck des Nationalsozialismus formulierten ‚kategorischen Imperativ‘, „Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“. (⁵)

Eine letzte Anmerkung zu Feuerwehren: Feuerwehren sind Gruppen, in denen zumeist ausschließlich Männer gemeinsam in Uniform unter dem Eindruck, gemeinsam das Gute zu tun, in gruppendynamischen Prozessen miteinander Zeit verbringen. Sie sind streng hierarchisch organisiert. Außerdem eignet sich ihr guter Ruf in der Öffentlichkeit perfekt für Personen mit einem niedrigen Selbstbewusstsein, ihr Selbstwertgefühl durch eine ein bisschen elitäre Mitgliedschaft in der Feuerwehr und die Uniformen aufzupolieren. Anstelle von „Solidarität“ oder „Freundschaft“ ist in ihnen von „Kameradschaft“ und „Kameraden“ die Rede. Über Klaus Schäfer, den ehemaligen Dortmunder Polizeichef, resümmierten ehemalige Weggefährten nachdenklich, dass sie „das mit den Uniformen bei ihm“ nun im Nachhinein besser einschätzen könnten. Ein zu diesem Thema angefragtes ehemaliges Mitglied einer Jugendfeuerwehr aus der Region, das ebenfalls anonym bleiben möchte, bestätigte ebenfalls rechte Tendenzen in Feuerwehren und wusste auch von Hitlergrußgeschichten zu berichten. Es ist nicht verwunderlich, wenn sich rechtsradikale Einstellungsmuster, die der deutschen Gesellschaft und ihrer „Mitte“ von unzähligen Studien bereits attestiert worden sind, an Orten wie der Feuerwehr manifestieren. Die Analyse dieser Einstellungsmuster bei der Feuerwehr richtet sich dabei nicht auf ihre Aufgaben (retten, löschen, bergen, schützen), sondern vielmehr auf die Art und Weise, wie Feuerwehren organisiert und mit der deutschen Gesellschaft verwoben sind. Es gibt sie auch in der Bundeswehr oder Polizeihundertschaften. Unter anderem zur Kritik fragwürdiger „Traditionspflege“ bei der Bundeswehr hat im Kreis Recklinghausen das „Bündnis 09. Oktober“ 2009 in Haltern am See gearbeitet. (⁶)
Gegenstand der Kritik waren unter anderem rechte Tendenzen in der Polizei erst vor kurzem in einer Aktion der antifa.recklinghausen, als diese anlässlich eines Adventskonzertes des Recklinghäuser Polizeichores Flugblätter verteilte und protestierte. (⁷)

(¹) http://www.derwesten.de/staedte/gladbeck/Von-Foto-mit-Hitlergruss-geschockt-id4082064.html
(²) http://www.derwesten.de/staedte/gladbeck/Zweites-Foto-mit-Hitlergruss-bei-Gladbecker-Wehr-id4114879.html
(³) http://www.derwesten.de/staedte/gladbeck/Weitere-Hitlergruss-Affaere-in-Gladbecker-Feuerwehr-id4110590.html
(⁴) http://antifaunion.blogsport.de/2010/05/04/klaus-schaefer-seine-kontakte-zu-neonazis/
(⁵) Theodor W. Adorno,“Negative Dialektik“, Frankfurt/M 1982, S.358
(⁶) http://9oktober.blogsport.de/
(⁷) http://antifarecklinghausen.blogsport.de/2010/12/19/protest-gegen-adventskonzert-des-recklinghaeuser-polizeichors/

Die Autorin ist als freie Journalistin und Antifaschistin tätig. Der Name ist der Redaktion der antifa.recklinghausen bekannt.